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Warleberger Hof dokumentiert die Museums-Anfänge

Autor: Horst Schinzel am 26.01.2015

(Von Horst Schinzel) - Die erste Ausstellung des Jahres im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof steht im Zeichen des Universitäts-Jubiläums. Sie wird nach der Eröffnung am kommenden Sonntag bis zum 7. Juni gezeigt. Im Januar 1965 wurde mit dem Aufbau einer neuen Sammlung der Grundstein für ein stadtgeschichtliches Museum gelegt. Es sollte im Warleberger Hof seine Heimat finden, der im selben Jahr durch die Stadt Kiel von der Christian-Albrechts-Universität erworben wurde. Aus diesem Anlass feiert das Kieler Stadtmuseum sein 50-jähriges Jubiläum am 25. Januar mit der Eröffnung einer Sonderausstellung zur Kieler Museumsgeschichte.

Die Ausstellung „Die Welt in Sammlungen. 50 Jahre Kieler Stadtmuseum – 350 Jahre Sammlungs- und Museumsgeschichte“ (25. Januar bis 7. Juni 2015) ist zugleich ein Beitrag zum 350-jährigen Universitätsjubiläum, da die Kieler Museumsgeschichte mit der Gründung der Christian-Albrechts-Universität beginnt. Seitdem waren alle Kieler Museen eng mit der Hochschule verbunden.


Kieler Museumsgeschichte

Das erste Museum in Kiel war das von einem der Gründungsprofessoren der Universität, Johann Daniel Major (1634 bis 1693), im Jahr 1688 aufgebaute Museum Cimbricum in der Flämischen Straße. Major gilt heute als Vater der Museumswissenschaften, denn sein Museum war deutschlandweit das erste wissenschaftlich konzipierte. Mit seiner nach didaktischen Gesichtspunkten geordneten Schausammlung setzte sich der Arzt und Universalgelehrte von den an barocken Fürstenhöfen beliebten Wunderkammern oder Kuriositätenkabinetten ab. Er öffnete damit sein Haus für Studentinnen und Studenten sowie andere Interessierte. Sein Museum war zudem das erste regional ausgerichtete Haus. Neben Exponaten aus dem gesamten Kanon der Wissenschaft – darunter Münzsammlungen, antike Statuen und Bildwerke – widmete er sich im sogenannten „Cimbrischen Saal“ der Geografie und Geschichte der kimbrischen Halbinsel (Jütische Halbinsel). Aber sein Museum existierte nur wenige Jahre. Nach seinem Tod verkauften seine Erben das Haus und die Sammlung mit unbekanntem Verbleib.

Dem Museum Cimbricum folgten erst gut hundert Jahre später – während der dänischen Epoche Kiels – weitere naturwissenschaftliche Sammlungen der Anatomie und Zoologie. Diese fanden wiederum einige Jahre später eine Heimstatt im Warleberger Hof, den die Universität für ihre Sammlungen erworben hatte.

Insbesondere das Zoologische Museum nahm eine herausragende Entwicklung. Zu seinen Sammlungen gehörten Exponate, die von aus Kiel aus geführten, weltweiten Expeditionen stammen und noch heute als wissenschaftliche Referenzobjekte genutzt werden.

Als patriotisch gesinnte Professoren und wohlhabende Bürgerinnen und Bürger Mitte des 19. Jahrhunderts zur Stärkung nationaler Identitäten kunst- und kulturgeschichtliche Sammlungen anlegten, boomten die Museumsgründungen in Kiel. Dazu zählte die Antikensammlung, das Museum Vaterländischer Altertümer sowie die 1857 gegründete Kunsthalle, außerdem das 1878 eröffnete Thaulow-Museum. Nachdem Kiel 1871 Reichkriegshafen geworden war und in schnellem Tempo zur Großstadt wuchs, entwickelte sich auch die Kieler Museumslandschaft weiter: Es entstanden große und gut ausgestattete Museumsbauten, die von namhaften Architekten errichtet wurden. Alle Museen waren mit Universitätsinstituten verbunden und dienten Studierenden als Lehrsammlungen und den Kieler Bürgerinnen und Bürgern als Bildungsinstitute. Die Sammlungen speziell der zu Provinzialmuseen aufgestiegenen Häuser wie des Thaulow-Museums oder des Museum Vaterländischer Altertümer, ebenso wie der 1897 gegründeten Landeshalle präsentierten bis in die 1930er Jahre hinein stolz das kulturelle Erbe und die reiche Geschichte des Landes.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Sammlungen weitgehend aus Kiel evakuiert. Alle Museumsbauten erlitten schwere Bombenschäden. Einen tiefen Einschnitt erfuhr die Kieler Museumlandschaft nach Ende des Zweiten Weltkrieges, durch die Entscheidung, die Provinzialmuseen nicht wieder am Ort aufzubauen, sondern die Sammlungen nach Schleswig zum Aufbau eines neuen Landesmuseums auf Schloss Gottorf zu verbringen. Kiel verlor damit auch seine stadtgeschichtlichen Exponate.



50 Jahre Stadtmuseum Kiel

Schon kurz nach Kriegsende war mit der Entscheidung, die Sammlungen des Thaulow-Museums und des Museums für Vaterländische Altertümer nicht mehr von ihren Auslagerungsorten nach Kiel zurück zu führen, die Idee für ein eigenes Stadtmuseum in Kiel entstanden. Auf dem Gelände der Alten Feuerwache sollte ein mehrere tausend Quadratmeter großer Museumskomplex mit Ausstellungshallen, Depot und Verwaltungsräumen entstehen. Doch bei den kommunalpolitischen Entscheidungsträgern herrschte wenig Einigkeit über das Konzept und es fehlte vor allem das nötige Geld. Schnell war man sich einig, eines der ältesten historischen Gebäude Kiels, den Warleberger Hof in das Projekt mit einzubeziehen. Er sollte das Entree des neuen Museums werden. Nach langen Verhandlungen mit der Universität kaufte die Stadt 1965 das ehemalige Adelshaus, das bis dahin von der Universität für seine Sammlungen genutzt wurde, nun aber stark sanierungsbedürftig war.



Schon einige Jahre früher hatte man damit begonnen für das neue Museum stadtgeschichtliche Sammlungsbestände zu suchen: Die Fayencen des
18. Jahrhunderts, die alte Ellerbeker Fischerhaussammlung oder die Hebbelsammlung kamen in Frage. Auch mit Gottorf stand man zeitweilig wegen der Rückführung einiger Exponate in Verhandlung. All dies war wenig Erfolg versprechend, und so begann man 1965 auch mit dem Aufbau einer eigenen Sammlung, die von nun an fachgerecht in einem Zugangsbuch verzeichnet wurde. Dieses Buch ist das Besitzdokument des Museums. Sein erster Eintrag erfolgte im Januar 1965. Inventarnummer 1 dokumentiert eine gusseiserne Kaffeeröste aus dem späten 19. Jahrhundert und markiert die Gründung des Museums seinerzeit ein recht unspektakulärer Verwaltungsakt. Erst 1970 wurde der Warleberger Hof als Ausstellungsgebäude mit einer Werkschau zur italienischen Kunst der Gegenwart wieder eingeweiht, also noch nicht mit eigenen Sammlungsstücken.



Nach der baulichen Sanierung des Warleberger Hofes kam es nie zu dem geplanten Neubau großer Ausstellungshallen auf dem Gelände der Alten Feuerwache. Allerdings wurde das Stadtmuseum 1978 durch das neu eröffnete Schifffahrtsmuseum in der Fischhalle ergänzt, tatkräftig unterstützt durch einen Förderkreis. Als weiterer Museumsneubau war zeitweilig ein Industriemuseum geplant. Dieser wurde allerdings ebenso wenig realisiert wie ein Historisches Zentrum auf dem Gelände der Alten Feuerwache oder ein großes Science-Center.



So warten Kiel und das Stadt- und Schifffahrtsmuseum immer noch auf einen weiteren Ausstellungsraum für die Präsentation der maritimen Stadtgeschichte. Exponate und eigenes Sammlungsgut gibt es inzwischen genug: Etwa 40.000 Objekte sind im Museumsdepot im Wissenschaftspark magaziniert und warten drauf ausgestellt zu werden. Dem ständigen Zuwachs der Sammlung liegt heute ein wissenschaftliches und für das Museum profilgebendes Konzept zugrunde. Sein Themenkanon zur urbanen Geschichte, Industrialisierung, Modernisierung und zur regionalpolitischen Entwicklungen maritimer Ausprägung hat Alleinstellungscharakter.



Die weitere Entwicklung des Stadt- und Schifffahrtsmuseums, heute das besucherstärkste Haus in Kiel, war eine Erfolgsgeschichte: Alle Ausstellungsräume wie auch das Depot entsprechen inzwischen einem modernen und hoch professionellen Standard. Das Stadt- und Schifffahrtsmuseum wurde im vergangenen Jahr durch die Verleihung des Museumszertifikats des Schleswig-holsteinischen Musemsverbandes ausgezeichnet.



Die Ausstellung „Die Welt in Sammlungen“ beleuchtet Lebenswerk und Ideen der Kieler Museumsgründer, zeigt außergewöhnliche Exponate aus der Entstehungszeit der Sammlungen, erläutert Konzepte der historischen Museumsarchitektur sowie der Ausstellungsdidaktik und diskutiert Chancen und Perspektiven des Museumsstandortes Kiel.

Den Auftakt macht Johann Daniel Major mit seinem Museum Cimbricum. Anregungen dafür fand er auf seinen Studienreisen nach Italien und durch die von Adam Olearius am Gottorfer Hof betreute Wunderkammer des Herzogs Friedrich III. Historische Schriften und eine goldene Gedenkmünze anlässlich der Gründung des Museums – als Leihgabe von der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek zur Verfügung gestellt – sind die einzigen erhaltenen Originaldokumente. Ergänzt werden sie durch reproduzierte Ansichten verschiedener Wunderkammern und Sammlungskabinette, die sämtliche Wissensgebiete der damals bekannten Welt zusammenfassen. Major, der zugleich Arzt und Botaniker war, hatte als einer der Ersten wissenschaftliche Leichensektionen durchgeführt und außerdem den Botanischen Garten im Kieler Schloßgarten gegründet.



Ein weiterer Ausstellungsbereich ist den Universitätssammlungen und Museen gewidmet, die ehemals im Warleberger Hof untergebracht waren, so dass einige Ausstellungsstücke mit dieser Präsentation nach vielen Jahren wieder an ihren Ursprungsort zurückgekehrt sind. Beeindruckend sind die zoologischen Sammlungsstücke, die auf die Expeditionen des dänischen Forschungsschiffes „Galathea“ von 1845 bis 1847 zurückgehen: ein Walschädel oder Skelette längst ausgestorbener Vögel des pazifischen Raumes sowie ein über 150 Jahre altes Präparat eines Affen von überraschend guter Qualität. Auch das Völkerkundemuseum war in seinen Anfängen im Warleberger Hof untergebracht. Es wird in der Ausstellung durch ein Exponat aus der Südsee-Sammlung der Universität repräsentiert, die inzwischen wieder als Dauerleihgabe in das Stadt- und Schifffahrtsmuseum zurückgekehrt ist. Von ganz anderer Art ist die Theatergeschichtliche Sammlung mit der Hebbelsammlung aus dem Nachlass des Anfang des 20. Jahrhunderts hoch geschätzten Dramatikers Christian Friedrich Hebbel. Zu sehen sind persönliche Objekte wie sein Lehnstuhl und seine Brille.



Ein nächster Ausstellungsraum ist den übrigen Kieler Museumsgründungen gewidmet: dem Museum für Vaterländische Altertümer mit dem Nydamboot, der Landeshalle und der Kunsthalle. Letztere hat anlässlich des Jubiläums ein für ihre Sammlungsgeschichte wichtiges Gemälde zur Verfügung gestellt: „Die Seilerbahn“ von Max Liebermann. Es wird begleitet von einer Pferdekopf-Skulptur aus der Antikensammlung und volkskundlich-stadtgeschichtlichen Objekten aus dem einstigen Thaulow-Museum am Sophienblatt. Das Alt-Ellerbeker Fischhausmuseum wird durch historischen Hausrat und Fischereigerätschaften vertreten. Die überaus reiche Kieler Museumslandschaft wurde bis zum Zweiten Weltkrieg durch imposante Bauten bedeutender Architekten wie Georg Sonnin, Heinrich Moldenschardt und Martin Gropius und Heino Schmieden repräsentiert. Die im Krieg weitgehend zerstörte Museumsarchitektur ist heute nur noch durch historische Fotos dokumentiert.



Die Entstehung und weitere Entwicklung des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums wird in einem eigenen Ausstellungsraum sichtbar gemacht. Unter den Exponate sind Sammlungsstücke aus dem Gründungsjahr des Museums, darunter befindet sich vor allem Hausrat, der das bürgerliche Leben Mitte des 19. Jahrhunderts repräsentiert sowie Schiffsmodelle, Kapitänsbilder und eine Gallionsfigur aus den maritimen Beständen des Schifffahrtsmuseums und seines Fördervereins. Dass mit der Entwicklung des Museums immer große Erweiterungspläne einhergingen, zeigt das Baumodell des Architekten Dieter Richter mit einer fast vollständigen Museumsbebauung des Geländes auf der Alten Feuerwache. Eine nicht realisierte Vision, die den Abschluss der Ausstellung, aber nicht der Kieler Museumsgeschichte bildet.



Die Ausstellung besticht durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Exponate verschiedenster wissenschaftlicher Fachbereiche aus Naturkunde und Kulturwissenschaft, die die Reichhaltigkeit der einstigen und der heutigen Kieler Museumslandschaft repräsentieren. Die Zusammenschau erfasst erstmals die erstaunliche und höchst wechselhafte Geschichte der verschiedenen Kieler Museen.



Jubiläumsschrift


Tiefergehende Einblicke in die Kieler Museumsgeschichte und speziell die Entwicklung des Stadt- und Schifffahrtsmuseums bietet das gleichnamige Begleitbuch, herausgegeben von Sandra Scherreiks und Doris Tillmann. Dieses entstand in Kooperation mit dem Zoologischen Museum Kiel und präsentiert zugleich den Verbund wissenschaftlicher Sammlungen in Kiel „Museen am Meer“. Der reich illustrierte Band umfasst 126 Seiten. Ein Aufsatz von Doris Tillmann bietet eine Chronologie der hiesigen Museumsgeschichte, während der Beitrag von Dirk Brandis einen speziellen Einblick in die Entwicklung des Zoologischen Museums eröffnet. Mit der Provenienzforschung zu den Sammlungsbeständen des Thaulow-Museums während der NS-Zeit befasst sich ein Aufsatz von Carsten Fleischhauer. Ein Beitrag von Sandra Scherreiks beleuchtet sehr detailliert die Entstehungsgeschichte des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums. Das Buch ist erschienen beim Verlag Ludwig und ist im Buchhandel sowie an der Museumskasse im Warleberger Hof zum Preis von 19,80 Euro erhältlich.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet. Sonntags um 11.30 Uhr sind Führungen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm Bildunterschrift: Galionsfigur (um 1820) aus der Sammlung des Förderkreises Kieler Schifffahrtsmuseum


Schlagworte:
kieler museen

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